Eine schwimmende Brücke auf dem Zürichsee

Ab 2019 soll die Bellerivestrasse im Zürcher Seefeld aufwendig saniert werden. Der Autoverkehr muss in dieser Zeit umgeleitet werden – zum Beispiel über eine Pontonbrücke auf dem See. Der Stadtrat prüft die Option.

Quelle: Daniel Fritzsche (nzz.ch)


Für Filippo Leutenegger (fdp.) ist es ein Projekt von vielen, aber eines, das ihm besonders am Herzen liegt: die Sanierung der Bellerivestrasse im Zürcher Seefeld. Der Stadtrat und Tiefbauvorstand wohnt ganz in der Nähe. «Für mich ist es wichtig, dass die Bewohner im Seefeld möglichst gut informiert werden, was da auf sie zukommt», hat Leutenegger nach einer Informationsveranstaltung im Gemeinschaftszentrum Riesbach gesagt. Denn die Bellerivestrasse ist nicht irgendeine Strasse. Sie ist die zentrale Einfallachse der Goldküste-Bewohner in die Stadt Zürich. 40 000 bis 50 000 Autos verkehren auf ihr pro Tag. Sie führt rund zwei Kilometer lang vom Bahnhof Tiefenbrunnen bis zum Seebad Utoquai. Das Problem: «Die Werkleitungen!», sagte Leutenegger. Diese seien alt und müssten dringend erneuert werden. «Daran führt kein Weg vorbei.»

Eigentlich wäre die Sanierung schon 2014 vorgesehen gewesen. Wegen anderer Projekte wurde sie verschoben. 2019 oder 2020 soll es nun aber definitiv losgehen. Den Plänen nach wird es eine Baustelle der Superlative: Drei Jahre lang werden die Arbeiten dauern. Neben den Werkleitungen werden auch Teile der Kanalisation ersetzt. 35 000 Quadratmeter Strasse werden neu verlegt, Lärmschutzwände installiert. Das Lehnenviadukt beim Bahnhof Tiefenbrunnen wird um bis zu 5 Meter verbreitert. «Das gibt eine ganz grosse Geschichte», fasste es Leutenegger zusammen. Die Kosten schätzt der Verkehrsstadtrat auf mindestens 64 Millionen Franken (+/–20 Prozent).

Die Brücke als Tourismusmagnet

Kosten und Komplexität des Projekts sind das eine. Das andere sind die Sorgen der Quartierbewohner. Das kam am Infoanlass deutlich zum Ausdruck. Das «Horrorszenario» für viele: wenn der Autoverkehr während der Bauzeit quer durch das Wohnquartier – namentlich durch die Dufourstrasse – umgeleitet würde. Diese Variante bezeichnete auch Leutenegger als «Worst Case». «Diesen gilt es zu vermeiden», hielt er fest. Er präferiere zwei andere Lösungen. Eine konventionelle und eine «etwas verrückte». Zuerst die gewöhnliche: Autos und Baustelle werden auf der Bellerivestrasse nebeneinander geführt. Dies sollte möglich sein. Entlang der Strasse müssten aber wahrscheinlich mehrere Bäume gefällt werden. «Das spricht gegen die Variante», meinte Leutenegger.

Vertieft mit einer Machbarkeitsstudie lässt er darum auch eine utopisch anmutende Idee prüfen: Die Autos sollen auf eine schwimmende Brücke im Zürichsee umgeleitet werden. Diese würde ungefähr bei der Badi Utoquai beginnen, das Zürichhorn umrunden und beim Bahnhof Tiefenbrunnen wieder auf Land treffen. Die Brücke würde zweispurig geführt. Trotz vielen Fragezeichen hält Leutenegger die Vision für umsetzbar. Er verweist auf einen ähnlichen Fall im Vierwaldstättersee. Vor sieben Jahren wurde zwischen Hergiswil und Stansstad eine 500 Meter lange Ponton-Autobrücke verlegt. Dies, weil die reguläre Strasse zwischen den Ortschaften wegen eines Felssturzes am Lopper über ein Jahr blockiert war.

Das Bundesamt für Strassen leitete das Projekt. Sprecherin Esther Widmer hat nur positive Erinnerungen daran: «Die Lösung hat sich sehr bewährt», sagt sie auf Anfrage. Innerhalb von nur zwei Monaten sei die schwimmende Brücke betriebsbereit gewesen, und sie habe sich zu einem regelrechten Tourismusmagneten entwickelt. Nationale und internationale Medien hätten über die europaweit einzigartige Pionierleistung am Vierwaldstättersee berichtet. Die Kosten beliefen sich auf rund 5 Millionen Franken. In Zürich würde der Bau entsprechend teurer. Die Gesamtprojektkosten – inklusive Sanierung – lägen bei rund 85 Millionen Franken. Ausserdem müsste der Kanton sein Einverständnis geben. «Generell wären die meisten Probleme aber zu lösen», sagte Leutenegger.

Tempo 30 auf der Bellerivestrasse

Die Idee des FDP-Stadtrats stiess im Gemeinschaftszentrum Riesbach auf unterschiedlichen Anklang. Markus Knauss, Stadtparlamentarier und Verkehrspolitiker der Grünen, sprach von einer «netten Vision». Dass diese nun näher geprüft werde, begrüsse er – auch wenn er sie für «nicht besonders realistisch» halte.

Noch kein abschliessendes Urteil hat sich die Interessengemeinschaft Bellerivestrasse gemacht. Die Vereinigung, die 2011 gegründet worden ist, hat ein anderes Anliegen. Sie will, dass die Bellerivestrasse nach der Sanierung zu einer Tempo-30-Zone abklassiert und statt auf vier nur noch auf zwei Autospuren geführt wird. Das bringe dem Quartier weniger Lärm, weniger Schadstoffe, dafür mehr Sicherheit für Fussgänger und Velofahrer. Der Stadtrat hat sich bereits früher gegen das Anliegen gestellt, unter anderem auch, weil die Strasse als überkommunal wichtige Ein- und Ausfallachse eine grosse Leistungsfähigkeit haben müsse. Die IG behält sich vor, das Projekt nun mit Einsprachen und Rekursen zu belegen. Was damit sicher ist: Filippo Leutenegger hat im Seefeld noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.